RHABARBER

Bärli, du bist das größte Trampeltier aller Zeiten. Wie kann man nur dermaßen ungeschickt sein. Ich schäme mich für dich in Grund und Boden.

Da fahren wir extra auf den Bauernhof in der Uckermark, den uns die nette Dame vom Reisebüro vermittelt hat. Wir haben uns innerlich verpflichtet, Gutes zu tun, unsere Landsleute tatkräftig zu unterstützen und die Tourismusbranche anzukurbeln. Gut, dass wir dort richtig schuften müssen, hat die Dame vom Reisebüro nicht direkt erwähnt. Aber dafür war der Urlaub preiswert. Und ich helfe gern. Wo ich kann, helfe ich. Besonders den armen Bauern. Die armen Bauern! Kennen kein Wochenende und keine Ferien. Müssen immer arbeiten, ihr ganzes Leben lang. Sie haben schon dicke Buckel, Schwielen an den Händen und lederne Haut von der ewigen Schinderei. Und was tust du? Bei der ersten Aufgabe, die der Bauer dir stellt, versagst du total! Du solltest ihm helfen, den Gemüsegarten mit einer Plane abzudecken. Gegen den Regen, den der Wetterbericht angekündigt hat. Damit der Kopfsalat, der Kohlrabi und die Zwiebeln geschützt sind. Zu zweit ist es nämlich leichter, eine Plane zu spannen. Einer kann hier anfassen und einer dort, und dann zieht man die Plane straff und befestigt sie vorsichtig an den Ecken. Du aber bist mit deinen Quadratlatschen mitten in die Rhabarberstauden getreten! Richtig platt hast du sie gemacht mit deinen hundert Kilo! Du hast den Rhabarber zerstört! Die Bäuerin wollte noch einen Kuchen davon backen. Das konnte sie dann vergessen. Kein Rhabarberkuchen dieses Jahr. Die Bäuerin musste die zermatschten Stängel direkt auf den Misthaufen schmeißen. Tja, Bärli, alles wegen dir.

Gerade die Bauern sind nun wahrlich nicht auf Rosen gebettet. Die sind angewiesen auf ihr selbst angebautes Gemüse, du Tölpel! Die müssen sich davon ernähren! Und du trampelst einfach den schönen Rhabarber nieder. Dabei sollte man meinen, ein großer, kräftiger Mann wie du wäre zu etwas nütze und könnte ordentlich anpacken. Den Zaun einschlagen oder das Heu wenden oder den Kühen die Klauen stutzen. Aber nein, du stampfst bloß sinnlos im Gemüsegarten umher! Wie bitte? Kommst du mir noch frech? Das hat doch nichts miteinander zu tun! Was kann ich dafür, wenn die Bäuerin mir solch einen albernen Auftrag erteilt? Natürlich bin ich normalerweise in der Lage, eine Pfanne mit Essen vom Herd zum Tisch zu tragen! Aber als die Bäuerin mich bat, die Blutwurst zu servieren, konnte ich da ahnen, dass die Pfanne völlig durchgerostet ist? Es ist eben alles etwas ärmlich in der Uckermark. Ärmlich und uralt. Die können sich keine neuen Töpfe leisten. Ich habe die Pfanne korrekt am Griff angefasst. Sonst hätte ich mir doch die Finger verbrannt! Dann hat es geknackt und ich hatte nur noch den Griff in der Hand. Der ganze Küchenboden war voll mit Blutwurst. Für fünf Personen. Du hast selbst gesehen, wie der Bauer und sein bärtiger Kumpel -  der Sohn oder der Großvater oder was weiß ich, wer das war -  hinter ihren leeren Tellern saßen. Die hockten krumm da, mit hochgezogenen Schultern und aufgekrempelten Hemdsärmeln, die Ellbogen auf dem Tisch, und haben mich angeschaut, als sei ich geisteskrank. Die waren fassungslos in Zeitlupe. Dann haben sie nach ihren Schnapsflaschen gegriffen, riesige Schlucke gesoffen und mit hungrigen Blicken auf den Boden gestarrt. Für die war die Schweinerei da unten ganz großes Kino. Du hast auch nur dumm geglotzt, während die Bäuerin und ich auf allen Vieren herumgekrochen sind und die krümelige Wurst von der Auslegware gekratzt haben. Ich hätte mich beinahe übergeben, als wir den Teppich mit Seifenlauge schrubbten. Das hat gestunken wie zehn Füchse im Februar. Wer hat denn auch Auslegware in die Küche! Absolut unhygienisch. Die Bäuerin sah sehr besorgt aus, richtig elend, aber sie hat kein Wort gesagt. Es gab ja auch nichts zu sagen. Es gab kalte Kartoffeln mit Sauerkraut. Ohne Blutwurst. Halt die Klappe! Ich weiß selbst, dass es das Sonntagsessen war. Ich bin nicht schuld, dass die Pfanne vom Griff gefallen ist! So eine lächerliche Aufgabe! Glaub mir, Bärli, ich wäre auch lieber mit dem Traktor gefahren oder hätte das kleine Kalb aus der Kuh geholt. Sei ruhig, du Blödian! Du hast den schönen Rhabarber zerstört! Du willst bloß von deinem Versagen ablenken! Schäm dich, Trottel!

(erschienen am 22. Oktober 2013 in der Berliner Zeitung)